Das größte Flugzeug der Welt – das Vermächtnis des Paul Allen

Microsoft-Mitbegründer und Technologie-Förderer Paul Allen ist tot. Damit wird er nicht mehr erleben, wie sein Vorzeige-Projekt, der Roc, abheben wird.

Paul Allen, der Mitbegründer von Microsoft, ist im Alter von 65 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Zusammen mit Bill Gates schuf er ein Software-Imperium, das jahrelang über die bekannte digitale Welt herrschte, bis die Zeit von Google und Apple heranbrach. Doch darauf hatte Allen schon lange keinen Einfluss mehr, denn er war krankheitsbedingt schon früh aus der Unternehmen ausgeschieden und hatte begonnen, seine Milliarden unters Volk zu bringen. Aber nicht, indem er sie nur für Superyachten und Sportclubs ausgab – das tat er auch. Vielmehr investierte der Technik-Nerd par exellance zudem mit seinem dafür gegründeten Unternehmen Vulcan Inc. in Technologien der Zukunft. Ob diese sich als sinnvoll oder nachhaltig herausstellen, wird die Zukunft zeigen. Einen Platz in den Geschichtsbüchern der privaten Raumfahrt hat er sich mit der Unterstützung des SpaceShipOne, des ersten privaten Raumschiffs, das 2004 den Weltraum erreichte, bereits gesichert. Nachdem ein anderer Milliardär, Richard Branson, das Nachfolge-Raumschiff sponsorte, begann Allen den Roc bauen zu lassen, das größte Flugzeug der Welt. Es soll in wenigen Wochen abheben – nun ohne seinen Mäzen. Doch läuft alles so wie Allen es geplant hat, könnte der Roc den Transport in den Weltraum mit Niedrigpreisen umkrempeln

Im Folgenden zu Paul Allens Riesenflugzeug und über seine Pläne ein Auszug aus meinem Buch Goldrausch im all

Paul Allens Fabelwesen

2017 gebar eine der Wunderfabriken von Mojave ein neues Baby – ein Riesenbaby. Die Halle von Paul Allens Firma Stratolaunch Systems hatte ihre Tore von epischer Breite geöffnet, damit zwei Schleppfahrzeuge das größte Flugzeug der Welt ans Tageslicht ziehen konnten. Seine Schöpfer, der unvermeidliche Rutan und Geldgeber Paul Allen, hatten lange ein Geheimnis um das Flugzeug gemacht, das als gigantischer Träger für eine 250 Tonnen schwere Rakete dienen soll. Bei einem seltenen Pressetermin hatten es Journalisten zuvor während des Baus betrachten dürfen, kaum sichtbar, nur die Pilotenkanzeln ragten aus den mehrstöckigen Baugerüsten heraus. Doch ließ sich damals schon erahnen, dass die Zuschauer beim ersten Roll-out staunen würden. Das Flugzeug besitzt wie Rutans SpaceShips zwei Rümpfe, in deren Mitte die Rakete und vielleicht einmal ein Raumschiff hängen werden. Die Rümpfe stehen auf 28 Rädern und sind 73 Meter lang. Unter den Flügeln mit einer Spannweite von 117 Meter hängen gleich sechs Jumbo-Jet-Motoren, die den vollbeladenen 500 Tonnen schweren Carrier in die Luft bringen. Usain Bolt bräuchte hochgerechnet zwölf Sekunden, um von einer zu anderen Flügelspitze zu gelangen, aber nur, wenn er in Weltrekordgeschwindigkeit liefe. Ein gemächlicher Fußgänger benötigt dagegen eineinhalb Minuten.

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Der Roc – das größte Flugzeug der Welt von Paul Allen bei den ersten Rollversuchen in der Mojave Wüste (Bild: Stratolaunch)
Der Roc – das größte Flugzeug der Welt von Paul Allen bei den ersten Rollversuchen in der Mojave Wüste (Bild: Stratolaunch)

Es wird immer wahrscheinlicher, dass der Roc bald starten wird. Die Maschine rollte Ende 2017 bereits über die Startbahn und testete Triebwerke und Bremsen. Doch lange stand nicht fest, was eines Tages als Nutzlast zwischen den Rümpfen hängen soll. Vor Jahren verhandelte Stratolaunch unter anderem mit SpaceX, das eine Falcon 9 Air bauen sollte, eine abgespeckte Version mit weniger Motoren. Später kündigte das Unternehmen an, statt einer großen gleich drei kleine Raketen zu starten. Wie der Rest der Micro-Lauchner-Community spekuliert Stratolaunch auf den Boom der Erdbeobachtungssatelliten. Das sieht nach einem verzweifelten Versuch aus, eine Fehlplanung zu korrigieren. In der digitalen Welt, aus der Allen ja stammt, ist das aber gar nicht ungewöhnlich. Falls das ursprüngliche Geschäftsmodell floppt oder der Markt sich ändert, wird das Unternehmen eben neu ausgerichtet. Die Amerikaner nennen das einen Pivot, eine wirtschaftliche Drehung um die eigene Achse um 180 Grad. Das passiert auch in der Raumfahrt, und entsprechend hat Allen reagiert. Ohnehin kann das Flugzeug Lasten aller Arten transportieren, am Ende ist es lediglich eine Frage des technischen Aufwands. Ende 2014 dachten Stratolaunch und die Sierra Nevada Corporation darüber nach, vom Roc sogar die Raumfähre Dream Chaser auf der Spitze einer Rakete zu starten. In einer erneuten Volte entwickelt Stratolaunch nun eine eigene Rakete. Dafür hat Allens Unternehmen SpaceX bereits einen seiner Topingenieure abgeworben und bei der NASA einen Triebwerksteststand gebucht.

Die von Branson und Allen gewählte Startvariante von einem Flugzeug ist nicht unumstritten. Zwar bedeutet der Abwurf aus Reiseflughöhe, dass die Rakete sich einen Gutteil des strapazierenden Wegs durch die dichten Luftschichten spart und sie die Geschwindigkeit des Trägerflugzeugs als Startkapital mit auf den Weg bekommt. Doch es gibt nicht wenige, die für Allens Projekt keine Zukunft sehen. Stefanos Fasoulas von der Universität Stuttgart ist Professor für Raumtransporttechnologie. Es ist sozusagen sein Job, die Effizienz von Startsystemen zu beurteilen. Er sieht keinen Vorteil eines Flugzeugstarts. »Die Rakete muss ja immer noch mindestens 400 Kilometer weiter aufsteigen. Die zehn Kilometer Höhe und 800 Stundenkilometer Geschwindigkeit, mit denen das Flugzeug sie anhebt und beschleunigt, machen nicht den entscheidenden Unterschied zu herkömmlich startenden Systemen.«

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Das System hat neben dem womöglich vernachlässigbaren Höhen- und Geschwindigkeitsbonus zwei weitere Vorteile. Raketen, die in dieser Höhe starten, entgehen einem hohen Max-Q-Wert, dem maximalen Luftwiderstand, dem sie auf ihrem Weg durch die Atmosphäre trotzen müssen. Rutan, der schon die Stummelflügel der Pegasus-Rakete entworfen hat, gibt sich, kaum verwunderlich, von dem Prinzip überzeugt. »Wir wissen seit Langem, dass der Launch von einem Flugzeug (quasi) als erste Stufe Flexibilität und außerdem Sicherheit bringt. Dieses System kann auf jeder Breite starten, es fliegt einfach irgendwo hin und startet. Ein Jet ist die sicherste Art, sich durch die Atmosphäre zu bewegen. Der gefährlichste Ort für eine Rakete ist der Start in niedriger Höhe.« Zu guter Letzt braucht es statt einer teuren Startrampe nur eine schnöde Startbahn für das Trägerflugzeug. Das bringt einen nicht zu unterschätzenden Zeitvorteil. So ein Flieger kann ja theoretisch mehrmals am Tag abheben und eine Raketenlast abwerfen. Landgestützte Rampen hingegen müssen bisher nach jedem Start wochenlang wiederhergerichtet werden – oder fast neu errichtet, wenn mal wieder eine Rakete explodiert ist.

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Die Killer-Visionäre Branson und Allen haben also einen Wettbewerbsvorteil vor allen anderen. Sie müssen sich nicht erst auf eine zeit- und energieraubende Investoren-Suche machen. Sie greifen in die Portokasse und können die Entwicklung ausgefeilter Raumtransport-Systeme energisch und ohne Verzögerung vorantreiben. Da sie bestens vernetzt sind und ihr Reichtum ihnen Kredit- und Glaubwürdigkeit verleiht, haben sie es zudem leichter, Investoren ins Boot zu holen, was wiederum ihr eigenes Risiko vermindert und die Entwicklungsgeschwindigkeit steigert. Laufen die Kosten unerwartet aus dem Ruder, können sie aus privater Schatulle nachschießen, ohne weitere Anteile verkaufen zu müssen oder den Laden gleich dichtzumachen.

»Ich denke, 2016 fliegen wir«, sagte Chuck Beames 2015, Allens damaliger Raumfahrt-CEO. Zwei Jahre später war der Roc noch immer nicht in der Luft, stattdessen hatte das Unternehmen viel Geld ausgegeben. Wie viele Raketen der Roc starten muss, um seine Kosten wieder einzuspielen, ist nicht klar. Allen hat bislang nicht verlautbart, was sein fliegendes Monster kostet. Es dürften einiges sein. Der Fachjournalist und Boeing-747-Experte Clive Irving schätzt, dass es am Ende eine halbe Milliarde Dollar ist, und das ist selbst für einen spendierfreudigen Multimilliardär wie Allen viel Geld. Ultrabilliger Zugang zum All sieht anders aus. Es ist ja noch nicht einmal klar, ob sein Supervogel jemals nur einen einzigen Dollar wieder reinholt. Auch wenn man Allen unterstellen darf, dass er seinen persönlichen Bastelspaß am Bau des weltgrößten Flugzeugs hat, kann man davon ausgehen, dass er zumindest darauf spekuliert, sich damit einen Teil des kommerziellen Satelliten-Start-Kuchens zu sichern.

Doch letztlich zählt für Allen wohl die innovative Kraft, die vom Roc ausgeht, und das hat eine unerwartete Konsequenz für die Konkurrenz. Was den Geschäftsmodellen vieler Raketen-Start-ups ohne solch monumentale Kapitaldecke gefährlich werden kann, ist nicht nur das viele Geld der Milliardäre. Es ist die visionäre Natur von Leuten wie Paul Allen. Sie könnte den Jungunternehmern den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegziehen. Denn Allen gibt seine Millionen nicht aus, um sie später wieder mit Gewinn einzusammeln. »Seine Vision ist, die Welt für den Menschen zu verändern«, ließ er Jean Floyd ausrichten, Beames’ Nachfolger als Chef seiner Weltraumsparte. »Er macht das nicht, um Geld zu verdienen, und ebenso wenig, um sein Investment wieder reinzuholen. Ich will nicht sagen, dass er damit Geld verlieren möchte, aber Paul Allen hat mich nie gefragt: ›Wie viel kann ich verdienen, wenn ich diese Sache durchziehe?‹«

Es ist also das gleiche Motiv wie das von Bezos und Musk. Streng genommen verlässt Allen mit dieser Philosophie den Kreis der NewSpacianer, also der kommerziellen Raumfahrt. Er nutzt nur ihre Mechanismen, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Wenn man das weiterdenkt, sind das schlechte Nachrichten für alle, die auf die üblichen Marktmechanismen vertrauen. Es bedeutet, dass Allen immer bereit sein wird, die Preise der anderen zu unterbieten, damit sein Projekt weiterlebt. Angesichts der vielen Start-ups, die derzeit neue Raketen entwickelt haben oder dabei sind – es dürften schätzungsweise 40 sein –, müssen ohnehin viele davon aufgeben. Für so viel Transportkapazität gibt es gar nicht ausreichend Fracht. Doch dass die Unternehmen von Branson und Allen darunter sind – unwahrscheinlich

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